Kiel – Vor einem kulturellen Kahlschlag in Schleswig-Holstein haben die Kulturverbände des Landes gewarnt. Sie appellierten eindringlich an die Landesregierung, die geplanten Sparmaßnahmen im Kulturbereich zurückzunehmen. Es würde nur sehr wenig Geld gespart, dafür aber sehr viel zerstört, betonten die Verbände am Donnerstag in Kiel.

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“Die Kultur ist kein Sahnehäubchen, sondern ein Lebensmittel für das ganze Land.” Mit diesem knackigen Satz eröffneten die Vertreter der Kulturpolitischen Gesellschaft, des Landeskulturverbandes und des Kulturforums Schleswig-Holstein gestern die Landespressekonferenz zur “Zukunft der Kultur in Schleswig-Holstein”.

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Kultur gibt Orientierung für die Menschen im Lande

„Die Kultur ist nicht ein Sahnehäubchen, sondern ein Lebensmittel für ganz viele in unserem Land. Deshalb braucht die Kultur in Schleswig-Holstein eine Zukunft,“ erklärten Jutta Johannsen von der Kulturpolitischen Gesellschaft, Rolf Teucher, der Vorsitzende des Landeskulturverbandes, und Björn Engholm, der Vorsitzende des Kulturforums Schleswig-Holstein, die erstmals gemeinsam vor die Landespresse traten.

Björn Engholm: „Es gibt leider häufig ein mangelndes Verständnis der Politik für die Kultur, da die Begriffe der Wirtschaft dort nicht greifen. Künstlerisches Schaffen ist eben nicht immer mit einem ökonomischen Ziel verbunden. Es muss zweckfrei bleiben können. Da stellt sich jemand einen Marmorblock ins Atelier, um etwas zu erarbeiten, ohne zu wissen, ob das Produkt jemals einen Abnehmer findet. Da übt jemand jahrelang Geige, um in einem Orchester vom Dirigenten aus gesehen hinten links, zweites Podium, eine Musik von Mozart zu spielen, die es hundertfach von den Großen eingespielt auf CD gibt. MC Kinsey würde nur den Kopf schütteln. Diese Menschen sind für die Wirtschaft entbehrlich, für die Kunst nicht.“

Kulturpolitik hat Verantwortung für die kulturellen Werte, die wir als Erbe vorangegangener Generationen für kommende treuhänderisch bewahren müssen. Mit Sorge sehe ich, dass die kulturelle Infrastruktur in die Gefahr gerät, ihre Aufgaben nicht mehr fachgerecht erfüllen zu können, weil sie personell extrem ausgedünnt werden. Hier darf das Kind – bei aller Sparnotwendigkeit – nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden.“

Die Kulturausgaben in Schleswig-Holstein bei Land und Gemeinden sind im Zeitraum 1995–2005 ständig zurückgefahren worden (minus 8%). In den anderen westlichen Flächenländern stiegen die Kulturausgaben im selben Zeitraum durchschnittlich um knapp 17 %. In Schleswig-Holstein werden 22,3 Euro an öffentlichen Mitteln pro Kopf für Theater und Musik aufgewendet (im Durchschnitt der Länder 25,4 Euro); für Museen sind es 8,8 Euro (andere Länder 14,6 Euro); für Denkmalschutz 2,6 Euro (andere 4,4 Euro).
Bezogen auf den Landeshaushalt sieht das Bild noch trauriger aus: Der Anteil der Kulturausgaben am Landeshaushalt hat sich seit dem Jahr 2000 von 0,97% auf 0,72% verringert. Damit festigt Schleswig-Holstein gemeinsam mit dem Saarland seine Rolle als Schlusslicht.
Die Kürzungen zum Abbau des strukturellen Defizits des Landes treffen die Kultur schmerzhaft, weil sie zu weit über 90% zu den sogenannten freiwilligen

Leistungen zählen. Die Landesregierung hat angekündigt, die direkte Kulturförderung von 16,5 Mio. Euro in 2010 (ohne Investitionsprogramm Kulturelles Erbe und Personalausgaben Ministerium) auf 12,5 Mio. Euro zu kürzen. Björn Engholm: „Wir brauchen eine Auseinandersetzung über den Stellenwert von Kultur.“

Jutta Johannsen: „Die Kulturpolitische Gesellschaft fordert Stärkung der kulturellen Bildung. Noch immer bleibt die Hälfte der Menschen außen vor und nur 5–10% der Bevölkerung bilden den Kern der Vielnutzer, um den sich immer mehr Anbieter bemühen. Es gibt zwar mehr Besuche, aber nicht unbedingt mehr Besucher.
Die „kulturelle Spaltung“ zwischen Nutzern und Nicht-Nutzern kultureller Angebote, die sich anhand sozialer Kriterien klar unterscheiden lassen, hat sogar zu- und nicht abgenommen.
Nachfrageentwicklung beginnt mit kultureller Bildung. Die Intensivierung der ästhetischen Erziehung und kulturellen Bildung im schulischen und außerschulischen Kontext mit neuen Konzepten müsste im Zentrum der Kulturpolitik stehen wie z.B. Schule&Kultur oder Jedem Kind ein Instrument. Kulturelle Bildung kann nicht isoliert betrachtet werden (hier sollen derzeit keine Kürzungen greifen), sondern sie lebt von einem Netzwerk zur ästhetischen Bildung in der Schule, in den Kultureinrichtungen vor Ort und den Soziokulturellen Zentren. Mit 1000.000 Euro für Kinder- und Jugendkultur blamiert sich ein Kulturminister bei 400.000 Schülern.“

Rolf Teucher: „Der Landeskulturverband Schleswig-Holstein, der Dachverband der Kultur im Lande, erwartet von der Landesregierung eine langfristig wirkende Konzeption:

  • Erstellung eines Kulturkatasters (Was ist vorhanden? Was fehlt? Was ist gefährdet? Was ist gesellschaftlich relevant? Was wird öffentlich gefördert?)
  • Erstellung eines Kultur-Konzepts für Schleswig-Holstein (Was muss erhalten bleiben? Was soll künftig öffentlich gefördert werden? Wo muss was zusätzlich oder verstärkt entwickelt werden? Wie setzt man Anreize?)
  • Konzepterstellung und Aufbau eines „Hauses der Kultur“, in dem gemäß Subsidiaritätsprinzip die operativen Aufgaben der öffentlichen Kulturförderung des Landes, die Beratung der Kulturinstitutionen und die Fort- und Weiterbildung der ehren- und hauptamtlich in der Kultur Tätigen konzentriert wird. Also: Alles unter einem Dach.
  • Einrichtung eines Landes-Kulturfonds zur vorübergehenden Stützung gefährdeter relevanter Kultureinrichtungen.“

„Die Kultur ist als Überlebens-Mittel in einer sich weiter globalisierenden Welt unverzichtbar. Zuwendungen dürfen keine milden Gaben sein, die man jederzeit streichen kann. Kultur muss sich frei bewegen dürfen im Reich der Fantasie, soll unvernünftig sein dürfen, provozieren und lästig sein dürfen“, so Engholm, Johannsen und Teucher abschließend.

Erstmalig nach dem diesjährigen Landesfest vom 4. – 6. Juni 2010 in Rendsburg traf sich das Landeskuratorium Schleswig-Holstein-Tag in den Räumen des Sparkassen- und Giroverbands für Schleswig-Holstein in Kiel, um ein Resümee zu ziehen und über die Zukunft des Schleswig-Holstein-Tags zu diskutieren.

Unter den Vertretern zahlreicher schleswig-holsteinischer Landesverbände bestand Einigkeit über die Einschätzung des Schleswig-Holstein-Tags 2010, der mit einer Rekordbeteiligung von etwa 300.000 Besuchern und der Präsentation von 206 Vereinen und Verbänden das erfolgreichste und schönste Landesfest aller Zeiten gewesen sei. Sowohl die Vertreter des Landeskuratoriums als auch die Hauptsponsoren verknüpften den Erfolg des Landesfestes mit einem professionellen Auftritt der Veranstaltung, die mit dem seit 2006 bestehenden Konzept einer Zeltstadt mit acht Themenmeilen und vier Bühnen zur „Marke Schleswig-Holstein-Tag“ geworden sei. An diesem Konzept müsse man festhalten, um für Besucher und Sponsoren attraktiv zu bleiben. Großen Anteil am Erfolg dieser Veranstaltung hatte nicht zuletzt das hochkarätige Bühnenprogramm von Sparkassen-Finanzgruppe Schleswig-Holstein und NDR. – Die Mischung aus Information in den Zelten und Unterhaltung auf den Bühnen war es, die Jung und Alt in die Pagodenstadt nach Rendsburg zog. Viele hundert Ehrenamtliche hatten so die Möglichkeit, ihre Arbeit einem breiten Publikum vorzustellen und Mitglieder zu werben.

Dieses Fest des Ehrenamts ist nun in Gefahr: Wenige Tage vor Beginn des Schleswig-Holstein-Tags 2010 war die Nachricht von einer bevorstehenden ersatzlosen Streichung der Landeszuwendungen in Höhe von 135.000,00 € bekannt geworden. – Eine Summe, die bei dem vergleichsweise niedrigen Budget des Landesfestes von rund 400.000,00 € stark ins Gewicht fällt. Dirk Wenzel, Landesgeschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes (SHHB) und Veranstalter des Landesfestes, betonte: „Der Schleswig-Holsteinische Heimatbund wird sich für den Erhalt des Schleswig-Holstein-Tags stark machen. Wir sehen die Notwendigkeit, den ehrenamtlich tätigen Vereinen und Verbänden ein Forum zu bieten, auf dem sie sich präsentieren können und wir möchten ihre Leistung weiterhin mit diesem Fest würdigen.“ Er machte jedoch auch deutlich, dass die Veranstaltung in Zukunft nur mit zusätzlichem Engagement der Ehrenamtler möglich sei und appellierte an die Mitglieder des Landeskuratoriums, sich stärker als bisher an der Finanzierung des Schleswig-Holstein-Tags zu beteiligen. Gleichzeitig forderte Dirk Wenzel jedoch auch nachdrücklich eine sichtbare Beteiligung des Landes. Sämtliche Vertreter des Landeskuratoriums sagten dem SHHB ihre Unterstützung zu. Dennoch blieb die Frage nach der Beteiligung der Landesregierung am Schleswig-Holstein-Tag, der vor 32 Jahren als ihr Landesfest ins Leben gerufen worden war, offen. – Am 17. Dezember 2010 wird voraussichtlich über den Doppelhaushalt des Landes abgestimmt: Ein entscheidender Tag auch für die Zukunft des Schleswig-Holstein-Tags.

Dagmar Rösner, M.A., Referentin für den Schleswig-Holstein-Tag im SHHB

V. i. S. d. P. Dirk Wenzel, Landesgeschäftsführer des SHHB

Weitere Informationen unter www.shtag.de.

Direktor Jens Ahlers setzt sich für den Fortbestand der Landesbibliothek ein. Die Landesregierung will das kulturelle Gedächtnis des Landes einsparen.

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